Presseberichte

Vorankündigung Podiumsgespräch und Ausstellung im Bosco, Gauting 2011

Bosco Magazin
(Titel)
Mit Schwung dreht Walter Erpf an der Kurbel des großen hölzernen Kastens. Dann setzt er behutsam die Nadel auf der Rille auf - und schon beginnt das alte Grammophon den Ohrwurm zu spielen: „Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir...!“ Über Erpfs Gesicht huscht ein zufriedenes Lächeln. Nach zweieinhalb Minuten ist das Lied aus. Wollte man jetzt einen neuen Titel hören, müsste man nicht nur die Platte umdrehen, sondern auch eine neue Nadel einsetzen. Details, die nur der Sammler über die Schellackplatte weiß.

Walter Erpf ist einer der versiertesten Kenner der Unterhaltungsmusik der 1920er und 1930er Jahre. Seit 25 Jahren sammelt er alles, was damit zu tun hat – von der Musik, Postkarten und Werbeannoncen von damals bis zu Herrenzylindern und Damenfächern, alten Parfumflaschen oder verzierten Tanzkarten, auf denen die Ballbesucherin ihre Tanzpartner des Abend eintrug. Mehr als 20 Grammophone sind in seinem Besitz, dazu über 3500 Schellackplatten. 12.000 originale Orchesterarrangements sind dabei, vom Tango bis zum Shimmy. Es gehören 2.500 Notentitelblätter dazu mit wunderschönen Illustrationen, die ein Spiegelbild des Zeitgeists von damals sind. Erpf zeigt den Druck von „O Donna Clara“: vor rotem Hintergrund mit Palmen spielt eine schlanke exotische Tänzerin mit ihrem Fächer und schaut verführerisch über ihre Schulter.

Walter Erpf, Musiker und Klavierlehrer aus Krailling liebt diese Unterhaltungsmusik der 20er Jahre. Nach der prüden wilhelminischen Epoche waren neue Zeiten angebrochen. „Die Texte sind voller Wortspielereien, dazu witzig und selbstironisch“, sagt er. Bis heute kommen sie beim Publikum gut an. Kein Wunder, dass Max Raabe vor ausverkauften Konzerthallen singt. Schon Vater Erpf hatte die Comedian Harmonists der Familie vorgespielt. „Die haben ja zunächst recht bescheiden angefangen, sie traten als Pausenfüller im Theater auf“, weiß Walter Erpf.

Wenn es in den großen Ferien mit dem Auto zum Urlaubsort ging, dann hatte der Papa seine „Bodensee-Tonbänder“ dabei. „Wenn wir auf der Fahrt den 'Kleinen grünen Kaktus' hörten, zum Fenster raussahen und wir noch nicht in Lindau waren, dann wusste ich, dass wir später dran waren als sonst“, erzählt Erpf schmunzelnd. Er selbst gründete im Alter von 25 Jahren sein eigenes Salonorchester „La Rose Rouge“, mit dem er zusammen mit seiner Frau und weiteren Musikern die Titel von damals spielt. Erpf hält auch Vorträge über diese Zeit und spielt dazu die Schellackplatten auf dem Grammophon. 2011 hat er eine vielbeachtete Ausstellung im Gautinger „Bosco“ initiiert.

Denn was da so heiter klingt, hat eine dunkle Seite. Von „Was machst du mit dem Knie lieber Hans“ bis „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“: die unbeschwerte Fröhlichkeit der Lieder steht in krassem Gegensatz zum Schicksal ihrer Verfasser. Darauf stieß Walter Erpf vor einigen Jahren, als er bei einem Konzert als Conferencier etwas zu jedem Stück erzählen sollte. Hinterher war er völlig fassungslos. „Eigentlich hätte ich bei fast jedem Titel sagen müssen, dass entweder der Komponist, der Texter oder der Interpret von den Nazis verfolgt oder umgebracht wurde.“ Er recherchierte weiter und trug Biografien jüdischer Künstler zusammen, die betroffen machen.

Wie die von Fritz Löhner-Beda etwa. Er war der Komponist von Schlagern, die um die Welt gingen, „O Donna Clara“ und „Ausgerechnet Bananen“ zählen dazu. Sein Ruhm verschonte ihn nicht, er wurde sofort nach dem Anschluss Österreichs 1938 verhaftet und über Dachau und Buchenwald nach Auschwitz verschleppt, wo er 1942 ermordet wurde. Hermann Leopoldi war einer der beliebtesten Unterhaltungsmusiker. Er wurde von den Nazis verfolgt und ins KZ Dachau und später nach Buchenwald deportiert, hatte aber das Glück, dass ihn seine Familie freikaufen konnte. Er konnte emigrieren. Für Paul O'Montis gab es diesen Ausweg nicht. Die Nazis verfolgten ihn als Jude und wegen seiner Homosexualität. Der umjubelte Sänger („Wochenend und Sonnenschein“) bekam Auftrittsverbot, wurde 1939 verhaftet und erhängte sich im KZ Sachsenhausen.

Immer noch treibt Walter Erpf seine Leidenschaft zu Sammeln um. Im Keller seines Hauses hat er seine Schätze gehortet, in Regalen und Hängeregistern fein säuberlich archiviert. Sogar die Sauna des Hauses steht mit Kartons voll. Der Musiklehrer bedauert, dass es zunehmend schwieriger geworden ist, interessante Sachen zu finden. Gerade die schönen Notentitelblätter seien kaum mehr zu finden, denn die Papierdrucke zerfleddern leicht. „Wenn man dann doch mal an einen privaten Nachlass kommt, ist das ein großes Glück.“ Manche seltenen Schellackplatten kosten auch eine Stange Geld, bis zu 800 Euro. Ja, Walter Erpf hat in sein Hobby schon einiges an Geld gesteckt. „Wahrscheinlich hätte ich mir schon längst einen Porsche dafür kaufen können“, schmunzelt er.

Aber wer will schon einen Porsche, wenn er so eine einzigartige Sammlung sein eigen nennt.

su

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